Endlich: Gipfeltag. Wie bereits berichtet war am Tag zuvor die Nacht kurz. Sehr kurz sogar, da wir bereits um 23 Uhr wieder aufstehen mussten, um uns anzuziehen, ein bisschen Tee zu trinken und um Mitternacht fertig zum Abmarsch zu sein. Schlafen in dieser Höhe ist ohnehin sehr interessant. Deine Atemfrequenz ist deutlich erhöht, genau wie dein Puls. Mein Ruhepuls war in dieser Höhe bei 100 Schlägen in der Minute, während auf Meereshöhe 60 Schläge normal wären!

Beim Anziehen mussten wir die Temperaturen von bis zu -10°C berücksichtigen, was in der Höhe noch kälter ist und insbesondere, wenn man über Stunden draußen ist. Das Zwiebelprinzip war sehr wichtig:

  • Long sleeve base layer, long sleeve base layer, dünne Fleecejacke, dicke Fleecejacke, Softshelljacke, Daunenjacke für den Oberkörper
  • Lange Unterwäsche und Daunenhose für die Beine
  • dünne UND dicke Trekkingsocken
  • dünne UND dicke Handschuhe
  • Sturmhaube, Mütze, Kapuze
  • … und schon konnte es losgehen!

(wirf einen Blick auf die Equipmentliste)

Unsere Guides positionierten uns in einer Reihe: Sie wussten von den Tagen zuvor, wer stärker und wer weniger stark ist. (Spoiler: Da jeder von uns es auf den Gipfel schaffte, ist „weniger stark“ ein sehr relativer Ausdruck.) In jedem Fall sollten die langsameren vorne weg gehen, damit wir als Gruppe zusammenblieben und die Guides ein Auge auf uns hatten.

Während der nächsten fünf Stunden sahen wir lediglich das Licht unserer Stirnlampen und die Rücken (oder Hintern) derjenigen vor uns. Jeder einzelne von uns konzentrierte sich auf den nächsten Schritt, den nächsten Atemzug – und wir verloren unser Zeitgefühl. Es war kalt, dunkel, anstrengend. Wenn erzählt wird, dass ein erfolgreicher Gipfelanstieg zu 30% Fitness und zu 70% mentale Stärke ist, sprechen sie von genau diesem Tag. Du weißt nicht, wie weit du schon gegangen bist und wie weit es noch ist – aber machst trotzdem weiter. Du hast nur dieses eine Ziel, diese einzige Bestimmung, und du möchtest diese erreichen.

Meine eigene persönliche und mentale Strategie war so einfach wie kompliziert. Denke nicht daran, wie lange man wohl noch weitergehen könnte. Konzentriere dich auf den nächsten Schritt. Wenn der nächste Schritt möglich ist, gehe ihn. Erst dann mache dich an den folgenden Schritt.

Je höher wir kamen, umso größer wurden für einige von uns auch die Symptome der Höhenkrankheit. Ich hatte glücklicherweise keine Probleme wie Kopfschmerzen oder Übelkeit, wohingegen andere sich auf dem Weg nach oben übergeben mussten.

Aber dann begann gegen 5:30 Uhr die Dämmerung. Ich glaube, für alle aus der Gruppe sprechen zu können: Es war die Dämmerung unseres Lebens. Sofort spürst du die Energie der Sonne, die in deine Venen fließt, ich hatte Gänsehaut einmal rundherum und wollte und musste lachen und weinen zugleich. Es ist ein dermaßen emotionaler Moment, den wir alle genossen.

Trotzdem hatten wir immer noch 250 Höhenmeter zu bewältigen. Bei dieser Höhe bedeutet das noch einmal zwei Stunden!

Ich war erschöpft, dehydriert, vermutlich unterzuckert, benötigte meine Wanderstöcke, um mein Gleichgewicht zu halten. Aber nach eben diesen zwei weiteren Stunden erreichten wir endlich den Gipfel.

Ururu Peak, Kibo, Kilimanjaro, Afrika auf 5.895m! WIR HATTEN ES GESCHAFFT!

Ein unglaubliches Gefühl- fast unmöglich zu beschreiben. Ich habe 1,5 Jahre für diesen Moment gearbeitet, ihn mir unzählige Male vorgestellt. Darüber nachgedacht, wie es sein würde und sein könnte. Und dieser Moment war nun endlich da. Ich stand auf dem Dach von Afrika, zusammen mit neugefundenen Freunden, unseren Guides, sowie unseren Trägern.

Wahnsinn, fantastisch, atemberaubend – Mach den Thesaurus für diese Wörter auf und jeder einzelne Treffer wird passen!

Auf dem Gipfel hatten wir circa 15 Minuten, bevor wir den Abstieg in Angriff nehmen mussten. Auf dem Weg nach machst du zunächst noch eine ausgedehnte Pause zum Ausruhen in der Kibo Hut, steigst dann aber bis zur Horombo Hut auf 3.720m ab, was diesen Tag einen 22km-Trip mit einem 2.200m-Abstieg macht. Aber der Reihe nach: Der Weg vom Gipfel zur Kibo Hut war für mich eine große Herausforderung, da ich völlig erschöpft war, anfing, doppelt zu sehen und Konzentrationsschwierigkeiten hatte. Zwei unserer Guides stützten mich auf dem Weg zur Kibo Hut und brachten mit auf dem direkten Wege nach unten. Dort angekommen bekam ich Tee, Toast und Pfannkuchen, was meine Energie und Lebenskraft schnell zurückbrachte.

Ausgeruht und gestärkt führten wir ein paar Stunden später unseren Abstieg fort und kamen sicher und noch vor der Dunkelheit an der Horombo Hut an – für den besten Schlaf am Berg auf der gesamten Tour.

  • Starthöhe: 4,720m
  • Zielhöhe: 5,895m
  • Anstieg: 1,175m (Abstieg 2.200m)
  • Distanz: 22km
  • Dauer: 14h

Höhen – Distanz – Diagramm:

Kibo zum Gipfel zum Kibo:

Kibo zurück zur Horombo:

Was raufkommt,…
Den ganzen Weg geht’s hier wieder zurück….